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Aktuelles
Presse-Echo
zu "Dickicht der Städte"
"Was bringt
mir das?"
"Schillers Freu(n)de" vom Schiller-Gymnasium proben Bertolt
Brechts frühes Stück "Im Dickicht der Städte" - in der WCM
Bertolt Brechts "Im Dickicht der Großstädte" bringt auch in
der Ferienzeit die Theatergruppe des SG, "Schillers Freu(n)de",
zur Premierenreife. Gespielt wird in der WCM ab
Freitag (14. November, 19.30 Uhr).
"Von
Brechts frühen Stücken ist das das jüngste", sagt Dr. Hans-Peter
Goldberg, Deutschlehrer am SG. "Unglaublich aktuell" sei das
Stück, das wolle er seinen Schülern und dem Publikum vermitteln:
"Das trifft ins Herz der gegenwärtigen Misere". Denn
Materialismus sei nicht alles und Leben mehr als "Geld verdienen und
andere bescheißen". Konkurrenzkampf, Vereinzelung, Bestechlichkeit...
- das und viel mehr werde in dem Stück von 1923 behandelt.
"Geschrieben hat es der vormarxistische Brecht", meint der
Literaturwissenschaftler, der das Stück für die SG-Aufführung "nur
behutsam modernisiert" hat. Was erkennbar sei, habe er gelassen,
einiges gestrichen, was nicht gleich so verständlich ist, und ein
"spartanisches Bühnenbild" entworfen. Neu sei auch, dass beide
Hauptfiguren bei Brecht männlich, eine davon aber in der "Freu(n)de"-Inszenierung weiblich besetzt ist. Das sei
kein Notbehelf, meint Goldberg. Das Stück spielt im Chicago der Gegenwart
des 25jährigen Brecht; und es thematisiert, so
schreibt das Programmheft, "unter anderem die Erbarmungslosigkeit
der modernen Warengesellschaft". Da treffen ein reicher,
gewissenloser, aber völlig vereinsamter Holzhändler Shlink
auf den Buchhändler Garga, der Familie hat und
gebildet und kultiviert, aber arm ist. Shlink
versucht nun, dem armen Tropf das abzukaufen, was ihm abgeht - und Garga sträubt sich zunächst. Aber er entschließt
sich, anders zu werden, wird ein Anderer, ein Kälterer und Berechnender -
und bricht geschniegelt auf nach New York. Der lange überlegene Shlink hingegen erkennt seine Kümmerlichkeit - und
bringt sich um. Shlink wird gespielt von der
Abiturientin Jana Remus; aber Goldberg arbeitet vor allem mit Acht- und
Neuntklässlern. "Früher begann ich mit der Neunten - aber dank G8
wird jetzt vieles nach vorne geschoben". Mit dem Stück will er den
Schülern auch eine Antwort geben auf die ordinäre, häufig gestellte Frage:
"Was bringt mir das?" Goldberg, Studiendirektor am SG, arbeitet
auch am Seminar in Esslingen, wo er künftige gymnasiale Deutschlehrer
unterrichtet. Bei allem Arbeitsaufwand bleibe für ihn: Von meinen Proben
lass ich nicht! Info: Weitere Aufführungen: Mi 19. / Sa 22. / Mi 26. / Fr
28. / So 30. November; letzte Aufführung: Mi 3. Dezember (je 19.30 Uhr).
Das Plakat hat übrigens SG-Unterprimaner Felix Koch gestaltet.
Vorverkauf: Ticketshop im Heidenheimer Pressehaus.
Quelle:
HNP-Online, Manfred Allenhoefer
Idealist kontra
Materialist
Premiere am 14. November: "Schillers Freu(n)de" spielen
"Im Dickicht der Städte"
Noch etwas chaotisch geht es derzeit in der Schmelzofenvorstadt 33 zu.
Die Kulisse ist nicht ganz fertig, es fehlt das eine oder andere Kostüm,
und auch eine Bestuhlung ist noch nicht zu sehen. Doch all dies ist für
die 20 Schüler der Theater-AG des
Schiller-Gymnasiums und deren Leiter, Dr. Hans-Peter Goldberg, kein Grund
zur Sorge, denn die Premiere des Stücks "Im Dickicht der
Städte" von Bertolt Brecht wird erst in zwei Wochen stattfinden.
Weshalb die Theatergruppe "Schillers Freu(n)de" gerade dieses
Stück ausgewählt hat? "Es ist, auch wenn es aus dem Jahr 1923
stammt, sehr aktuell", erklärt der Deutsch- und Geschichtslehrer
Goldberg. Da sind die beiden Hauptdarsteller, George Garga
(gespielt von Niklas Goldberg), der geprägt ist vom Idealismus, von dem
Glauben an Liebe und Freiheit, und C. Shlink
(gespielt von Jana Remus), die die materiellen Werte bevorzugt.
Als sich genau diese beiden Personen in einer Leihbibliothek, in der Garga angestellt ist, in Chicago, im Jahr 1912
treffen, beginnt der Kampf: "Auge um Auge, Zahn um Zahn",
zitiert Brecht das Alte Testament in seinem Stück. Es ist ein
unerklärlicher Kampf zwischen Arm und Reich, um Macht, Geld, Sieg oder
Niederlage.
Shlink, die in Einsamkeit lebt, denkt, weil sie
ein Holzgeschäft besitzt, könne sie mit Geld alles erreichen. Garga hingegen, der eine Familie hat, lebt in Armut.
Noch gegensätzlicher können zwei Personen also kaum sein. Am Ende kommen sie
sich zwar näher, doch es ist zu spät. Beide Charaktere und auch deren
Umfeld - sei es das soziale oder das materielle - sind zerstört.
Das Besondere an der Inszenierung von "Schillers Freu(n)den"
ist, dass die Rolle von C. Shlink, die in der
Originalfassung von Brecht einem männlichen Darsteller zugedacht ist, von
Jana Remus, die die 13. Klasse des Schiller-Gymnasiums besucht, gespielt
wird. Ganz bewusst habe die Theatergruppe diese Besetzung gewählt,
erklärt Goldberg. In einer Zeit, in der auch Frauen in höchste
Staatsämter und leitende Positionen vordringen, sei es nur ehrlich und
richtig, diese starke Rolle von einer Frau spielen zu lassen, zumal so
der Kampf noch deutlicher werde.
Auch lasse sich durch diese Besetzung am Ende, wie Goldberg erläutert,
die Nähe der beiden Hauptpersonen noch intensiver darstellen, ohne jedoch
auf eine homosexuelle Verbindung, die von Brecht nicht gewollt wäre,
anzuspielen. Wichtig ist dem Lehrer besonders, dass die Zuschauer
erkennen, dass Konkurrenzkampf und Korruption, Isolation, Anonymität und
Existenzfindung ein Problem darstellen, das es sowohl in den 20er-Jahren
wie auch heute noch im Übermaß gebe. "Es muss mehr geben als
Geld", das soll die Moral des Schauspiels sein.
Geprobt hat das Ensemble, um dieses Stück von knapp 2,5 Stunden Dauer auf
die Beine zu stellen, fast ein Jahr. "Die Rollen wurden unter den
Schülern schon im Dezember verteilt", erzählt Hans-Peter Goldberg.
"Seit Januar haben wir jeden Donnerstag geprobt, und in diesem
Schuljahr haben wir dann auch den Samstag als Probentag
hinzugenommen."
Ob sich der Aufwand gelohnt hat, die Kostüme und Kulisse rechtzeitig
fertig geworden sind und den Zuschauern Platz zum Sitzen geboten wird,
wird erstmals bei der Premiere am Freitag, 14. November, ab 19.30 Uhr zu sehen sein. Karten sind im
Vorverkauf im Ticketshop des Pressehauses erhältlich.
Quelle: HNP Online, Simone Schroeter
Premierenbericht
der „Heidenheimer Zeitung“ vom 18. November 2008
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Alter Text, zeitnahes Theater
„Schillers Freu(n)de" beeindrucken sehr mit Bertolt Brechts
„Im Dickicht der Städte"
„Schillers Freu(n)de" spielen Bertolt Brecht. Ja, bei der
Kombination kann ja eigentlich gar nichts mehr schief gehen. Und es ging
auch nichts schief, wie die Zuschauer bei der Premiere der Theater-AG des Heidenheimer Schiller-Gymnasiums im
WCM-Gebäude feststellen konnten. Zumal sich die Schüler rund um Mentor
und Regisseur Dr. Hans-Peter Goldberg mit dem „Dickicht der Städte"
ein frühes und wildes Brecht-Stück herausgesucht hatten, mit dem der Augsburger
Schwabe nach eigenem Vernehmen und in der ihm eigentümlichen Bescheidenheit ,;Schillers Räuber endlich verbessern
wollte".
Und zwar, um „einen großen Fehler sonstiger Kunst zu vermeiden:
ihre Bemühung mitzureißen." Ja, bei der Direktive kann ja eigentlich
auch nichts mehr schief gehen. Ging es aber, wie die Schüler unter Beweis
stellten. Brechts Vorhaben mit seinen Stücken, nicht mitreißen zu wollen,
hat sich offenkundig erst bei späteren Werken durchgesetzt. Hier ist die
Sprache noch völlig ununiformiert, ungebärdig und teilweise - das Stück
entstand im Jahre 1922 - noch expressionistisch zerfetzt. Hier wehrt sich
noch ein protestantisch geprägter Plärrer-Fan
gegen den modernen Großstadtkapitalismus, und zwar nicht wie später mit
Marx- und Engelszungen, sondern durchaus in der Tradition der deutschen
Metaphysik, dem Weltekel.
Goldberg und seine Schüler; allen voran in den Hauptrollen Niklas
Goldberg als George Garga, Laura Weber als dessen
Schwester Marie und Jana Remus als Shlink,
legen den Akzent ihrer Inszenierung ganz auf die Physis.
Die Anordnung der Körper auf der Bühne, ihr Kontext spielt eine
entscheidende Rolle bei der Umsetzung der Brechtschen Sprachmagie, die -
ganz wie die Räuber - aus einem rebellierenden Herzen zu stammen scheint,
weniger denn aus einem gesellschaftsanalytischen Kopf.
Die Idee, nebenbei bemerkt, die Rolle eines alten, verschrumpelten
malaiischen Holzhändlers antigeschlechtsspezifisch mit einer jungen
deutschen Blondine zu besetzen, ist an sich schon großartig, gibt der
Inszenierung aber noch eine zusätzliche Note, indem sie den von
ausbeuterischen Verhältnissen geprägten Geschlechterkampf, der ohnehin
bereits rund um den Körper der Marie tobt, die vom ehrbaren Mädchen zur
Dirne absteigt, nicht doppelt, sondern die ganze Liederlichkeit des
Menschen nicht nur den Verhältnissen zuschiebt, in denen er leben muss,
sondern der Existenz selbst, die eine brüchige geworden ist.
So fühlt man sich bei der Inszenierung - nicht zuletzt wegen der
stark expressionistischen Sprache - das ein oder andere Mal unwillkürlich
an Brechts großen Antipoden Gottfried Benn erinnert, der hier den
Akteuren mit einem reaktionären Grinsen über die Schulter zu blicken
scheint: „Die Armen wollen hinauf, die Reichen nicht herunter. Schaurige Welt, kapitalistische Welt. Aber machen kann
man da nichts." Denn das „Dickicht der Städte" erweist sich bei
„Schillers Freu(n)den“ als geradezu undurchdringlich. Chicago hin oder
her: keiner kommt hier lebend raus, auch nicht in Heidenheim.
Verrückt ist es schon, wie aktuell und zeitnah dieses Stück im
Lichte von „Schillers Freu(n)den" erscheint. Die Inszenierung
jedenfalls ist - wie immer bei Goldberg - bis in die Details hinein
durchdacht. Und auch die jungen Schauspieler zeigen durch ihr Engagement,
dass sie dieser bald hundert Jahre alte Text unmittelbar etwas angeht.
Könnte es sein, dass Brecht hier etwas angerührt hat, dass uns zu Beginn
dieses Jahrhunderts noch schonungsloser entgegensteht?
Holger
Scheerer
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